Den Tod eines Stalinisten, Völkermörders und Brandstifters dermaßen zu rechtfertigen, ist der üble Versuch einer Reinwaschung und Legendenbildung. Die „Junge Welt“ verherrlicht die „alte Welt“ der Ära vor Glasnost und Perestroika, vor Gorbatschow und seinen Mitstreitern. Von Slobodan Milosevic und seinen Mitstreitern ging der groß-serbische Wahn aus, der den Balkan in die größte menschliche Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg führte. Dass es heute möglich ist, darüber einen Prozess zu führen, sollte allen an libertären Idealen – zumindest in der Tradition der Großen Französischen Revolution – hängenden Menschen freuen.
Und es ist eben nicht so, dass die Nato oder andere Staaten Serbien angriffen hätten. Diese platte Lüge ist eine Rechtfertigung und funktioniert nicht. Erst die Proklamation nationalistischer Ambitionen und der Wille diese mit Macht durchzusetzen, brachte die Lunte – und das Feuer wurde gelegt.
Es ist immer noch eines der Verdienste der „alten“ rot-grünen Bundesregierung, dass sie den Mut fand, gegen den Völkermord auf dem Balkan vorgegangen zu sein. Auch gegen viele Widerstände in den eigenen Reihen.
Niemand, überhaupt niemand – nicht du, nicht ich – darf nach der Nazi-Barbarei heute zusehen, wie Menschen aus rein ethnischen Gründen massakriert werden. Das darf nie wieder geschehen. Was sollten wir unseren Enkeln erzählen? Ihr fragtet eure Großeltern, was sie während des Faschismus getan haben und was habt ihr gegen den Völkermord zu Eurer Zeit getan?
Und wer dem Gerichtshof in Den Haag die Legitimation abspricht, sollte sich gut überlegen, ob dann die Nürnberger Prozesse auch unrecht gewesen wären. Staatliche Gewalt kann nur durch internationale Gerichte geahndet werden. Wer sollte sonst Richter sein, wenn die Ankläger ermordet wurden?
Milosevic wollte wohl als letzte Ausfaht Moskau – und hatte sich deshalb wohl Medikamente selbst verabreicht, die das beschleunigen sollten. Dorthin, wo er noch Verbündete wähnte. Bei Honecker hatte das ja auch prima funktioniert.
Durch seinen Tod hat er es zumindest geschafft, einem gewissen Märtyrertum den Boden zu bereiten. Nur, die Leiche wollen sie in Serbien wohl auch nicht haben. So wie das Spandauer Gefängnis nach dem Tod von Rudolf Hess geschliffen wurde, um keinen Ort für Wallfahrten zu schaffen, so scheint man in Serbien selbst auch nicht an einem solchen Ort interessiert zu sein. Sie wissen, dass auch dieser Schoß noch fruchtbar ist. Gerade auch, weil gewählte Repräsentanten der Nach-Milosevic-Ära ermordet wurden.
Und es ist schändlich, dass noch immer einige der größten Verbrecher des Krieges in warmen Nestern sitzen und selbst von höchsten Regierungsstellen geschützt werden. Wer Mörder schützt, macht sich selbst schuldig. Das sind keine guten Aussichten für eine friedliche Entwicklung auf dem Balkan. Mitten in Europa.
Und noch eines zum Schluss: Gegen die Barbarei des Hungers in Afrika und anderswo müsste mit ebenso viel Vehemenz vorgegangen werden.