»Jemand mußte Josef K. verläumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« Der erste Satz aus dem Process von Frank Kafka.
Gabriel García Márquez postuliert, dass der erste Satz eines Werkes der Wichtigste ist. Der Leser wird gefangen oder findet keinen Zugang. Dieser erste Satz von Franz Kafka ist einer der Eindringlichsten. Ein Abgrund tut sich auf. Das Unfassbare, nicht Kontrolllierbare, Ausgeliefertsein, Machtlosigkeit, Dunkelheit. Das Dräuende. Der Druck. Nicht wissen, was zu tun ist. Was ist richtig? Was der nächste Schritt? Wie kann der Druck genommen werden? Wo ist da noch Platz für Liebe? Kann es Freiheit geben? Oder ist der Mensch gefangen, fremdbestimmt. Die Parameter des eingenen Lebensentwurfs gehen verloren. Auf wen ist Verlass? Ist Rettung möglich? Die letzte Antwort blieb uns Kafka schuldig. Josef K. rannt alleine gegen das Unrecht an. Er sitzt vor den Toren des Gesetzes und wartet. Niemand lässt ihn hinein. Warum? Weil er nicht Einlass verlangte? Nicht handelte.
Das Werk blieb Fragment. Wie das meiste von Kafka. Er wusste die Anwort nicht - oder nicht in Worte, in eine Geschichte zu fassen.
Und dann noch: Das Schloss. Das Unerreichbare. Der Landvermesser misst seinen Handlungsspielraum aus. Wie kann ich meinen Weg finden? Das Ziel ist fast zu sehen, er hat eine Vorstellung davon. Er weiß nicht, was zu richtig ist, was zu tun ist. Verliert sich im Schnee, in den Menschen.
Das Schloss führt mich unweigerlich zu Peter Weiss und zur Ästhetik des Widerstands: Wie kann sich der Mensch behaupten, wie kann der Entrechte zum Handelnden werden? Wo findet der Mensch Grundlagen, die sein Handeln bestimmen. Wie kann unter dem Faschismus Menschsein bewahrt werden. Überleben? Die Welt ändern? Die Kunst ist das Gedächtnis der Menschheit. Wenn wir uns diese aneignen, können wir Wege finden, die Fragen stellen, die zu Antworten werden. In der Antike, im Feudalismus, im Kapitalismus, unter der faschistischen Herrschaft und auch unter dem stalinschen Sozialismus.
Wenn wir wissen könnten, was die Welt im Innersten zusammenhält (Goethe, Faust), gäbe es dann einen Weg zur Freiheit, zur Selbstbestimmung? Eine gerechte Welt?
Eine Welt, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. (Marx, Manifest der Kommunistischen Partei). Und der erste Satz des Manifestes hat es auch in sich: Ein Gespenst geht um in Europa. Darüber wird noch zu schreiben sein.